Begegnung der anderen Art

Heute habe ich einen armen alten verbitterten desillusionierten Mann kennengelernt. Oh mann. Verblüfft wie ich war, wusste ich erst mal gar nicht, wie in so einer Situation reagieren. Vielleicht habe ich es am Anfang auch unterschätzt, meine Omas schimpfen schliesslich auch immer rum und haben an allem was auszusetzen. Lass ma reden, hab ich mir gedacht, ein mal in Rage geredet ist die ältere Generation nur schwer zu stoppen.
Das alles spielte sich bei meinem Gönner im Kino ab. Kaum hatte ich die verschlungenen Wege zum Büro gefunden (sonst geht man ja nur bis zur Kasse…) wurde ich auch schon mehr als kritisch durch eine Klappe in der Tür gemustert. „Ach Siiiiiie“, lautete die nette Begrüssung, „das Fräulein von der Schule, hm?“. Mein freundlicher Gesprächspartner von gestern erwies sich als spontan erkrankt und so hatte ich das Vergnügen mit einer älteren Ausgabe der Familie. Nachdem ich mein Anliegen noch ein mal erklärte und mich entscheiden sollte, ob mein Wunsch kulturell oder konsumgesteuert ist durfte ich nach oben. „Nach oben“ ist in dem Fall dort, wo alle Filme rum liegen und aller KrimsKrams steht, denn ein Kino so braucht. Als erstes sah ich einen Haufen zerknautschter Rollen unter einem Tisch liegen und ahnte Übles. Allerdings gab es daneben noch ein sehr aufgeräumtes Regal mit beschrifteten Posterrollen, in dem mein Helfer sofort kramte. Den Haufen konnte ich durchsuchen, aber die Rollen sind aktuelle Sachen, da ging er lieber selber dran. So weit so gut werden jetzt alle denken. Ha. In den zwanzig Minuten die ich in seiner Gesellschaft verbrachte fiel kein einziges gutes Wort. Leider fällt mir nicht mehr alles ein was er gesagt hat, aber der Grundtenor war:

Jugendliche interessieren sich nicht mehr fürs Kino. Wenn sie doch mal zwischen Partys und Saufen den Weg ins Kino finden, dann schauen sie nur die Mainstream beworbenen Filme und haben keine Ahnung mehr von der Kunst dahinter. Bis 95, so konnte er mir ausführen, kamen von 100 Kantischülern noch 90 in die Kinos um auch mal Studiofilme zu gucken.
Uff hier war ich erst mal leicht geplättet, ich konnte mir zwar vorstellen was er meinte aber was genau Studiofilme nu sind hätte ich auch nicht erklären können und fühlte mich somit schon ein bisschen mit angeklagt. (Der Begriff „Studiofilm“ umschreibt anspruchsvolle, qualitativ hochstehende Filme, die bezüglich des Inhalts und Aussage wie auch der Erzählweise als wertvoll qualifiziert sind. Quelle: http://www.independent-pictures.ch/) Mein Begleiter sprach mich auch gleich direkt an und fragte ob ich denn diesen oder jenen Film kenne und ob ich denn nicht über Regisseur xyz bescheid wisse. Von all den vielen Fragen ist mir nur noch im Sinn geblieben, dass er nicht nachvollziehen konnte, warum ich keinen von Roman Polanskis Filmen betiteln konnte (Er sprach nur von französischen Originalen). Fast rechnete ich damit, dass er mein Abitur und die Immatrikulation zur Uni sehen wollte.
Sehr wichtig war ihm auch, dass die Jugend nur noch Filme auf Deutsch guckt. Alles Einheitsscheisse, was das oft gebrauchte und allgegenwärtige, vernichtende Urteil. Zu seiner Zeit, da sei man noch in Filme mit Untertiteln gegangen und habe sich was gedacht bei den ganzen Filmen. Die Jugend von heute sei die ungebildetste, faulste und sowieso unmöglichste von Allen. Uff schwerer Stoff, zu dem ich nur lächeln und hmhmen konnte, eine Wortmeldung war kaum möglich. Kurz versuchte ich meine Schützlinge und mich noch zu verteidigen…Konsumwelt, Werbung, Interesse, Kinozeiten/Freizeit, Peers und so weiter.
Beladen mit sieben verschiedenen Plakaten wuselten wir wieder nach unten, immer noch auf der Suche nach der verschollenen Merida aber nicht einmal dass konnte ihn stoppen. Sein Leben habe er dem Kino gewidmet aber als es so bergab ging mit der Gesellschaft habe er es abtreten müssen, so ginge das nicht. Der Altersdurchschnitt bei anspruchsvollen Filmen liege mittlerweile zwischen 60 und scheintot (Zitat ^^), das verkrafte er nicht. Wenn er an der Kasse aushilft kommen die Jugendlichen Kaugummie kauend, mit dem Ipod im Ohr rein und fragen erst mal was überhaupt läuft, keiner liesst mehr das Kinoprogramm, weder im Internet noch an den aushängenden Plakaten. Alle wollen nur noch möglichst bequem zu einer Antwort ohne sich anzustrengen. Lesen können die ja sowieso nicht mehr. Was genau hier der springende Punkt war weiss ich nicht mehr, irgendwas über die Linken und Errungenschaften und das Problem der Eltern die sich für ihre Kinder schämen und wenn er mal mit Eltern reden könnte wäre ich meinen Job los. Hö?! Was war denn das? Er war doch gar nicht böse auf mich. Besorgt fragte  er mich noch ob ich jetzt ein badly heart wegen ihm habe und das es einfach seine Meinung ist. Anscheinend habe ich irgendeinen Zusammenhang zwischen den Eltern, dem Kino und meinem Job verpasst während ich über ihn nachdachte.

Ein Mensch der seine gesamte Leidenschaft und sein Herzblut einer Sache widmet und über die Jahre derart enttäuscht wird, dass er so verbittert. Der seine Leidenschaft an die Kinder weiter gibt und mitverfolgt, wie seine Befürchtungen immer wahrer werden. Natürlich tut er mir leid. Ich bin auch kein Studiokinofilm Gucker und ich verstehe die Jugend, wenn sie in Step up 4 geht statt sich mit Sagrada auseinander zu setzen. Filme und Kino haben mittlerweile einfach eine andere Bedeutung, einen anderen Stellenwert als vielleicht zu seiner Zeit noch. Oder?
Am Samstag treffe ich ihn wieder, dann darf ich allein ins Archiv, (irgendjemand muss ja Merida finden) irgendwie habe ich trotzdem das Gefühl, dass ich mich auf die Begegnung vorbereiten müsste. Jetzt sitze ich hier mit meinen Plakaten… Der gestiefelte Kater, Street Dance 2, Lincoln und five-year Engagement leisten mir Gesellschaft, nach seinem Monolog fühlte ich mich allerdings verpflichtet auch noch I Wish und Le Prenom einzupacken, wenig subtil teilte er mir mit, dass beides sehr gute Filme sind.
Hoffentlich sehe ich nie, wie jemand aus meinem Umfeld so an seiner Leidenschaft kaputt geht. Was mach ich nur bis Samstag…Meine Unterrichtsidee kriegt irgendwie ein ganz anderes Gewicht -.-

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2 Antworten zu “Begegnung der anderen Art

  1. Ich denke, dass man gerade unter der Lehrerschaft viele solcher desillusierten Menschen antrifft. Alle beginnen mit viel Elan ud Herzblut, aber vor allen Dingen in Deutschland muß man sich fügen, dem Unterrichtsstoff, dem Direktor und mit dem Respekt der Schüer und der eltern kann man wohl auch nicht rechnen.
    Was bleibt ürig nach einem langen Arbeitsleben, wenn man zurückschaut?
    Jeder ist ersetzbar! Und die wenigen Ausnahmen haben ein dickes Fell und viel Charisma!

  2. Tja. Heißt ja schließlich „Leiden“schaft… sprich: was Leiden schafft, unvermeidlich. Halte ich persönlich, selbst wenn ich es nicht nachvollziehen kann, immer noch für eines der erfüllteren Leben, falls man das überhaupt bemessen kann… Gruß von Snoopy

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