Die Gretchenfrage

„Sie, wie haben Sies eigentlich mit der Religion?“

Zu der höchst philosophischen und persönlichen Frage kamen meine Musikkinder gestern mitten in der Stunde. Auslöser war ein fallendes Blatt.
Die Klasse sollte eine Aufgabe lösen, simple Zuordnung von Begriffen zu einem Schaubild, wer zuerst fertig ist sollte aufstehen (irgendwie muss man die Motivation zum zügigen Arbeiten hochhalten, da nehme ich auch laute Haha`s in Kauf) und das alles jeder für sich…ging schliesslich um die Wette. Als erstes fertig war die Caro, ich habs genau gesehen und schon auf ein schallendes „Juhu“ gewartet. Nichts da, ganz kollegial und gegen meine Anweisungen wollte sie ihre Lösungen weitergeben, an Corin von der Nebenbank. Schupps wurde das Blatt rüber gerutscht und weil man sich ja nicht bewegen will, bevorzugt mit ganz viel Schwung und Kraft. Nach allen Regeln der Physik und Murphy landete besagtes Blatt raschelnd auf dem Boden und ausser Reichweite der unbeweglichen Schüler.
„Ha, das ist wohl ein Hinweis von oben!“ war mein laut ausgesprochener Gedanke, mit dem ich dem Blatt hinterher hechtete. Durch die leeren Blicke meiner Kinderchen fühlte ich mich genötigt das zu erklären „Na von oben, von Gott, alle Gläubigen und/oder getauften nehmen sich das bitte zu Herzen.“ Damit wars für mich erledigt, war ja nur ein Gedanke. Weit gefehlt, meine eben noch so flegmatischen Teenager hatten ein interessantes (völlig fachfremdes) Thema gewittert.
„Ja Sie, wie haben sie eigentlich mit der Religion?“
„Sind Sie eigentlich gläubig?“
„Ach was gläubig, sind Sie überhaupt getauft?“
„Wie oft im Jahr gehen Sie in Kirche?“

Das und viel mehr prasselte plötzlich von allen Seiten auf mich ein. Im Musikzimmer stehen die Tischen in einem U, so dass ich immer schön zentriert stehen kann, heisst aber auch, dass man sich leicht belauert fühlt und gern einen Spiegel im Zimmer hätte, für dich Schüler hinter mir.  Etwas in der Defensive überlegte ich schnell welche religiöse Richtung unser Kanton wohl haben könnte und entschied mich für ein ehrliches Coming-out, so lassen sich manche  Themen am schnellsten abschliessen.
„Tut mir leid, aber ich bin total ungläubig. Also wie heisst der erste Teil…?“
„Ja na Sie, heisst das, dass Sie gar nicht an Gott glauben? Sie sind nicht mal reformiert?!“
„Nein Caro, weder katholisch noch evangelisch. Also beim E-Bass, da…“
„Aber getauft sind Sie doch sicher, oder etwa nicht? Also ich meine sind Sie da so ausgetreten, weil Sie nicht mehr wollten oder hat sich keiner drum gekümmert, dass man Sie tauft?“ Kam die nun ehrlich besorgte Frage von einem sonst eher schläfrig eingestellten Schüler aus der linken Ecke.
Mittlerweile war klar, dass ich mich dem erste stellen müsste eh wir auch nur eine Chance auf den geplanten E-Bass Unterricht haben würden. Also wurde fix erläutert, dass ich weder reformiert noch getauft bin, aber trotzdem katholisch vorbelastet wurde.
„Sie! Wir beide sind die einzigen reformierten hier in der Klasse.“ Informierte mich Steff und gestikulierte wild in die U-Form.
„Ja, eh und das is voll schlimm. Reformierte, wieso dass frag ich mich?“ Ehe diese Podiumsdiskussion noch mehr ausarten konnte beschwichtigte ich die Gemüter, nur um von einem genialen Vorschlag der Jungen unterbrochen zu werden.
„Na Sie, dann brauchen wir eigentlich einen Champagner, um Sie mal eben gleich zu taufen.“
„Boar mann, was Champagner, wozu willste den denn?“ Kam der verwirrte Kommentar von der katholischen Corin.
„Na wir taufen sie gleich hier, ich denke Champagner is dazu gut genug, wir müssen sie nur richtig damit nass machen…“
Beunruhigt von der sich selbst weiter entwickelnden Idee wollte ich schon eingreifen, als die Mädchen hier in die Bresche sprangen.
„Ja was Spasst, taufen tut man nich mit Champagner, da brauch man Weihwasser.“ und „Genau, geweihtes Wasser von voll weit weg“ aber auch „Ja aus dem Jordan oder so muss das kommen, kannste ja mal los laufen!“ kamen zu meiner Rettung.
„Also, wir haben kein Weihwasser, wir haben keinen Champagner und vor allem haben wir niemanden der taufen darf, wenn jemand von euch die Priesterweihe machen sollte und tatsächlich dazu befugt ist, kann er sich noch mal an mich wenden und wir besprechen das dann später noch einmal.“ Gab ich meine Entscheidung über mein weiteres Leben bekannt ehe sich hier noch jemand tatsächlich auf den Weg zum Jordan machen konnte, nur um meine ungeschützte Seele zu retten. Wäre ja noch schöner -.-

In dem Bewusstsein gerade einen speziellen Stellenwert in der Klasse bekommen zu haben, versuchte ich die Stunde weiter zu führen. „Ladys und Gentleman, der E-Bass! Wer kann mir nun sagen was Nummer 1-8 sein könnten? Ja, Caro…..?

0verrückt

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2 Antworten zu “Die Gretchenfrage

  1. Mein liebes Kind,
    gerade ich, die in einem kath. Verlag arbeitet, weiß wohl am besten, dass in den heutigen Zeiten die Taufe, Erstkommunion, Firmung ectpp. nicht gleich zu setzen ist mit Glauben. Aufrichtigen und tiefem Glauben. Das ist wohl selbst bei Christen, egal welcher Richtung, ein richtiger Engpass.
    Selbstverständlich ist es schwerer als Erwachsener zum Glauben zu finden, gerade in unserer Zeit. Aber nur weil ich diese Sakramente empfangen habe und event. sogar jeden Sonntag zur Kirche gehe, heißt das nicht, dass ich nicht zweifle.
    Wer wirklich glaubt ist zu beneiden, denn dann liegt der Sinn des Lebens auf der Hand. Die anderen Zweifler und „Ungläubige“ obwohl ich das Wort „Heidenkind“ bevorzuge, sind auf der Suche ihr Leben lang. Die Atheisten betrifft dies wohl nicht, aber in der Stunde des Sterbens wären wahrscheinlich auch sie gern gläubig.
    So viel dazu, obwohl dieses Thema endlos debattiert werden könnte.
    Hielte sich jeder Christ nur an die 10 Gebote, wäre die Welt um einiges Schöner und die Zweifler eher zu überzeugen, dass der Glaube Sinn macht.
    Aber so bleiben die Zweifler!!!
    LG Mama

    • Ui das klingt aber abgeklärt. Bin mir noch nicht so sicher ob sich meine kinderchen schon mal mit dem Sinn des Lebens beschäftigt haben. Bei denen ist ja sogar die Berufssuche noch utopisch weit weg.
      Lass uns mal weiter zweifeln, is manchmal gar nich so schlimm 🙂

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