Der Nachwuchs

Liebe Eltern

Natürlich freue ich mich immer besonders, wenn Sie etwas über meine pädagogischen Leitsätze erfahren wolle und am meisten natürlich über die Frage: „Warum machen Sie das?“. Endlich interessiert sich mal jemand dafür, warum genau ich etliche Stunden meiner Freizeit opfere, wenn andere Familien Brettspiele machen oder mal eben ins Kino gehen. Endlich fragt mal jemand nach den Hintergründen und meinen persönlichen Überlegungen zu diesem Lehrplanthema. Die wollte ich schon immer mal kundtun, aber Ihr Nachwuchs hat dafür nur selten ein offenes Ohr, schon gar nicht, wenn es um Methoden und didaktische Hintergründe geht. Hohoho, grosse Worte meinen Sie, aber ja genau ich habe das studiert und kenne die Begriffe. Aber natürlich, Sie haben wohl recht, alles nur staubige Theorie.

Auch Sie haben von der Materie Ahnung, schliesslich haben Sie beim letzten Kinderarzt so einen brisanten und hoch wissenschaftlichen Elternratgeber gelesen. Sie haben also eine Meinung zu der ganzen Sache, meinem Unterricht und überhaupt meiner ganzen Planung. Ach, Ihr Urgrossonkel war 1930 auch schon Lehrer, na dann sin Sie natürlich lebende Oral History, oder so. Ja genau, Englisch war nicht mein Fach, nein.

Aber glauben Sie mir, jeden Abend und meistens noch in den Pausen investiere ich meine Zeit, um den Unterricht für Ihr Kind zu optimieren. Zeit in der ich Wohnungen besichtigen, Hefte korrigieren, Kaffee trinken oder Musik machen könnte. Ich mache nämlich gerne Musik, nur aus der Übung kommt man so unglaublich schnell. Auf jeden Fall plane ich auch in meinen vielen Ferien meine zukünftigen Themen und mache das, entgegen meiner Erwartungen im Studium, tatsächlich didaktisch und mit so ein paar Hintergrundgedanken zur späteren realen Welt.

Es freut mich ja immer noch so unbändig, dass Sie an meiner Meinung interessiert sind. Warum ich das Ideentagebuch ihres Sohnes nicht auf Rechtschreibung Korrekturlese? Weil es demotiviert, den Inhalt nur auf die äusserlichen Fehler reduziert zu sehen? Weil sie dann nur noch Wörter benutzen, die sie eh schon sicher kennen? Weil dann der Schreibfluss gehemmt wird und ich nur noch Minimaltexte bekomme, statt inhaltlichen und fantasievollen Texten? Na das können Sie jetzt nicht nachvollziehen, richtig. Ihr Kind soll schliesslich mal was werden, Politiker, Banker, Kader oder eben mindestens Gymnasium, erklären Sie mir mit ihrem Strahlelächeln. Wenn Sie auf meine fachliche, fundierte und erprobte Meinung keinen Wert legen warum fragen Sie dann, würde ich am liebsten wissen. So sage ich nur: Dann ist ja gut, in diesen Positionen hat man sicher eine Sekretärin.

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