Sinnkrise

Ich stehe mit drei Kleidern in einer dieser Umkleidekabinen, die gerade so als Zensiertstreifen durchgehen. Welchen Sinn hat es bitte, dass man bei einer Umkleidekabine von draussen bis zu den Knien des Umziehenden gucken kann? Wenn ich mich umdrehe kann ich draussen den Freund stehen sehen, also auch hier nicht der optimale Sichtschutz, zumal ich meine Kleider immer über den Kopf ziehe und dann kurzfristig wie Pumuckl aussehe, weil die Haare in alle Richtungen stehen. Was ist mit kleineren Frauen, die zwar nicht über die Tür sehen aber drunter schon so viel zeigen, dass sie sich auf die kleine eingebaute Bank stellen müssten? Oder die grossen Männer, die im Vorbeigehen problemlos mit dir über deine Körbchengrösse diskutieren könnten? Umkleidekabinen sind merkwürdig.
Kleid eins hat eine Art blauen Vokuhila und ist innen (bei so einer Art Unterkleid) so eng, wie Frischhaltefolie. Dem Freund gefällst. Kleid zwei ist etwas poppiger, der Freund muss ganz klassisch den Reissverschluss schliessen aber das pink schreckt uns ab. Kleid drei hat bei den Frauen in der Nebenkabine schon beim Reintragen Begeisterungsstürme ausgelöst. Angezogen sieht es aus wie eine Faltengardine aber ich zeige mich trotzdem. Neben uns oht und aht es – der Freund weiss nicht wirklich was er dazu sagen soll und ich lasse das Kleid nach einigen Drehungen wieder verschwinden. In der Umkleide trifft es mich aus heiterem Himmel…DAS gerade eben war wohl schon wieder ein Reinfall! Das Gefühl lässt sich ganz leicht identifizieren, da ich den Gedanken mittlerweile schon öfter von meiner inneren Stimme gehört habe.

Listen und Pläne, damit verbringe ich einen nicht zu unterschätzenden Teil meiner Zeit. Allerdings ist es nicht überraschend wenn man eine Liste vom Februar oder sogar aus 2013 wiederfindet, die immer noch so aktuell ist, wie zu der Zeit als sie erstellt wurde. Wenn also die Listen schon nicht klappen, warum überrascht es mich dann so, dass es mit den Plänen auch nicht besser funktioniert?

Viele Dinge muss ich neu überdenken. Wo ich in meinem Leben stehen will, was ich erreicht haben möchte, was ich für ein Bild/ eine Vorstellung von mir selbst hatte. Meine berufliche Situation, meine Pläne für die nächsten drei Jahre…

Mein Körper fühlt sich anscheinend in die Pubertät zurück geworfen und reagiert mit Pickeln an den naheliegenden und den absurdesten Stellen. Ich sehe teilweise schlimmer aus, als mancher meiner Schüler. Mein Haar-Desaster ist immer noch nicht erledigt, die paar Fransen die ich habe wachsen eben auch nicht schneller als andere Haare und sind demnach so dünn wie eh und je (im letzten Jahr). Die dazu gehörende Haarfarbe macht mich rasend, mittlerweile sieht die rund um den Kopf dunkle Farbe mit den hellen Längen aus, als hätte ich eine Mütze auf. Ganztägig. Was wir körperlich in den letzten Jahren mühsam abtrainiert und angewöhnt haben ist durch meinen Hang zu Nudeln und Starbucks Mufflns wieder zurückgekehrt, anscheinend mehr als ich dachte. Passen mir doch die teuren Kleider der letzten Jahre nicht mehr, oder wenn dann nur mit dauerhaftem Luftanhalten – was auch der Grund ist warum ich in einer Umkleidekabine für Giraffen stehe.
Seid mehr als anderthalb Jahren steht uns der Sinn nach einer neuen Wohnung, aber auch dort tut sich ähnlich viel, wie bei meinen Haaren. Finanziell fühlte ich mich endlich wohl und plante schon Weihnachtsgeschenke und eigene kleine Freuden ein (ich wollte endlich mal was aus Übersee bestellen, nur für mich und nur weil ich kann 😊), als mich plötzlich die Realität in Form einiger sehr saftigen Arztrechnungen hart im Lohnkonto traf. Die Aussicht auf weitere Rechnung begeistert mich auch nur mässig. In der Umkleide stehe ich nur, weil der Freund mit mir gerade unterwegs ist, wenn also nicht schnell eine Designerfee in meinen freizügigen 2 Quadratmetern auftaucht, die mir etwas auf den Leib schneidert und es mir dann schenkt, gehe ich ohne Kleid heim.
Alle weiterführenden Pläne und Absichten sehen auch nicht mehr so rosig aus. Jemand hat mir wohl die rosa Brille mit den glitzernden Einhörnern geklaut. Man fühlt sich plötzlich so grau und unzulänglich.

Nun heisst es erst mal aus der Kabine rausstaken, Krönchen aufheben und dann einen neuen Lebensentwurf machen. Thats life.

0humans

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Eine Antwort zu “Sinnkrise

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