Durchschlagende Argumente

Die Oberstufe hat so eine nervige Angewohnheit: Wenn die Stunde um 00 losgeht kommen sie um 00 von der Pause rein. Also reinkommen heisst, sie gehen in die Garderobe, schubsen ein bisschen, wechseln die Schuhe und kommen mit ihrer Jacke hoch, um dann wieder runterzugehen, da die Jacke in die Garderobe gehört. Die ersten schleichen sich 01 in die Klasse, kann ja sein, dass man mit einer Minute Verspätung unsichtbar wird. Die letzten poltern 11 durch die Tür, mir der Verspätung muss man auch nicht mehr versuchen sich zu verstecken, oder?

Nun haben wir, seitdem mir letztes Mal die Hutschnur geplatzt ist, eine Regel. Ich bin pünktlich um 00 in der Klasse und schliesse die Türe. Wer nach mir kommt und die Tür verschlossen vorfindet muss draussen warten, bis die drinnen Aufgaben haben und wird erst später bedient. Das kann zwischen 5-15 Minuten bedeuten, je nachdem wer denn da vor der Tür steht. So unterrichte ich die Schüler, die „lernen wollen“ und diejenigen, die verspätet kommen und dann Zeit und Publikum brauchen um sich zu beruhigen, können auch erst einmal draussen warten. Schliesslich ist meine und ihre Zeit wertvoll 🙂
Man könnte lachen aber die grössten Zeitsünder sind nun zwei Minuten vor Türschluss in meiner Klasse nur um zu sehen, wen es denn da vor der grossen Glasscheibe erwischt.

Auch heute war der D schon drin und starrte gebannt auf die Uhr, um mir dann laut „Es ist 00, darf ich die Tür schliessen?“, entgegen zu krähen. Belustigt liess ich ihn die Tür zu machen, als auch schon jemand angesteuert kam. D stand nichts ahnend hinter der Glastür, schliesslich wollte er doch sehen, wer denn da heute ausgesperrt wird.
Den Kopf schüttelnd schaute er durch das glas und tippte sich bedeutungsvoll auf das nackte Handgelenk, als M zur Klinke griff. „Ah-ah-ah, so geht das nicht, wir fangen jetzt mit dem Unterricht an.“ grinste er schadenfroh durch das Fenster bis er erschrocken zurücksprang. In seiner Wut hatte M, die Thermoskanne noch in der Hand, gegen das Fenster geschlagen, dass nun mit lautem klirren zersprang.

Überall regnete es Glasscherben, glitzern, glänzend, schneidend. D jaulte auf, die rundherum stehenden Schüler erstarrten und sich eben schliessende Türen wurden wieder aufgerissen. In der kurzen stille wechselte ich einen Blick mit der herannahenden Schulleiterin und gab M somit in Gewahrsam. D wurde in dessen von seinen Oberstufenkollegen bemuddelt und abgetupft. Kleine Scherben rieselten und leichte Schnittwunden wurden sichtbar. „Nichts passiert alles gut“, sagte er zu seinen und ich zu meinen Kollegen. Zwei Zuspätkommer wurden gleich zum Scherbenfegen eingeteilt und Flaster verteilt. In unserer Glastür prankt nun ein Loch so gross wie die Köpfe von M und D nebeneinander, zumachen bringt recht wenig, da auch die Gefahr besteht, dass sich noch andere Glasteile herauslösen.

Nach 20 Minuten kommt ein total belämmerter M zu uns zurück. Bittet um 3 bis 5 Pflaster und setzt sich, leise klebend, auf seinen Platz. D, unser armer Kriegsveteran, sitzt zwischen vier schnatternden Mädchen und bittet schliesslich kläglich um ein Kühlakku für sein schnell anschwellendes blaues Auge, gegen das anscheinend die aufschlagende Tür donnerte. Aufseufzend machen sich gleich drei der Mädchen auf den Weg, während die letzte wohl seine Vitalzeichen überwacht, so fest hält sie seine Hand.

Morgen ist dann nichts mit Aquariumunterricht durch unsere Glastür, morgen machen wir im Deutsch wohl Tag der offenen Tür.

0einhoerner

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